Hmm... was soll man von einer DVD erwarten, bei der das erste, was man beim Menüerkunden entdeckt, ein leichtbekleideter Organist ist, der in einem kahlen Flur herumspaziert? Genau. Eine wunderbare Live-DVD mit wahnsinnig viel interessantem und teilweise völlig durchgeknalltem Bonus- und Backstagematerial.

Fangen wir vorne an: beim Menü. Das ist sehr schön gemacht - Omen an der Orgel, gruselig, wunderschön mit Sorti im Hintergrund. Die einzelnen Bereiche sind über Symbole zugänglich, nicht gerade intuitiv, aber "sprach-los", tschüß Babylon. Auch die Untermenüs sind schön unterlegt und übersichtlich. Sehr positiv auch, daß die Sequenzen (mit einer Ausnahme =;-)) schön kurz gehalten sind, so daß man nicht immer ewig warten muß wie bei manch anderer DVD.

Der wichtigste Bereich ist dann natürlich der Konzertmitschnitt. Daß es ein klasse Konzert mit wahnsinniger Stimmung war, ist bekannt. Die große Frage war: Können die Kameras das einfangen und rüberbringen? Natürlich kann eine DVD kein Livekonzert ersetzen, aber ich habe schon einige Livebilder von Kaizers gesehen, die einen dazu brachten, vor dem Fernseher rumzuhüpfen, als wäre man dabei. Schafft die DVD das auch? Die Antwort ist ein... jein. Ich muß gestehen, mein erster Eindruck war eher negativ. Schuld daran sind die rein statischen Kameras, die zwar aus allen möglichen Perspektiven das Geschehen auf der Bühne einfangen, sich dabei aber nicht bewegen (bzw. nur ruhig von links nach rechts schwenken etc.). Bei einer Band wie Kaizers muß da mehr "Action" rein, finde ich. Mehr Bilder von unten, mehr Bewegung. Es gab zwar auch ein, zwei Kameras vorne im Graben, die etwas mehr einfangen konnten, aber das reicht nicht so ganz. Dazu dann noch viele (zu viele?) Bilder aus der Totalen, wo man hinten irgendwo klein die Bühne und darauf ein paar kleine Pünktchen erkennen kann, vornedran im Publikum aber gar nichts, weil es zu dunkel ist. Oder man sieht das (beeindruckende!) Publikum, dafür aber nur eine weiße "Lichtwolke" dort, wo die Bühne ist. Hmm... Insgesamt hatte ich oft den Eindruck, furchtbar weit weg vom Geschehen zu sein, was mir bei anderen Mitschnitten nie so vorgekommen ist.

Tja, alles das klingt jetzt furchtbar negativ. So ging es mir auch. Klappe runter und "was haben die da gemacht???". Die ersten drei Lieder.
Dann kam Hevnervals, und das Konzert ging los. Keine Ahnung, ob ich mich dann an die Kameraführung gewöhnt hatte? Oder ob der Schnitt und Bildmix danach anders war? Oder ob Kaizers selbst vielleicht ein bißchen gebraucht haben, um warm zu werden? Ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen. Ab dem Moment konnte ich die DVD dann absolut genießen. Klar, es gab auch danach noch Szenen, wo ich dachte, das hätte man anders machen können. Insbesondere habe ich mich geärgert, wenn einige "Schlüsselszenen" einfach nicht im Bild waren, verpaßt wurden, oder einfach nicht erkennbar waren, weil die Kamera gerade mal wieder zu weit weg war. Z.B. der "Gitarrentanz" bei Blitzregn Baby, wo man in der Totalen einfach nicht mitkriegt, wie cool das "von unten" aussieht. Oder die plötzliche Stille in Delikatessen. Oder Janoves Bauchentblößung bei Container.

Aber auch das ist nebensächlich. Denn der Mitschnitt enthält viele einfach wunderschöne Bilder, die alle Schwächen ausgleichen. Omen im Vordergrund, das Publikum im Hintergrund. Mink am Schlagzeug. Killmaster in Großaufnahme, mit Elvis im Hintergrund. Omen mit dem Akkordeon. Seifenblasen und Feuerzeuge bei Christiania.

Je länger das Konzert dauerte, desto öfter dachte ich: "Perfekt." Kontroll på kontinentet, Di grind, das Ende von Dieter Meyers Inst. Nicht nur von musikalischer Seite, sondern auch von den Bildern her. 170 in fast schwarzweiß. Wahnsinn, beeindruckend.
Nebenbei die ganzen Kleinigkeiten, die man auf Konzerten nicht mitkriegt. Wie Hellraizer am Ende von Ompa til du dør in der Gegend rumguckt, wie bei Resistansen sogar Omen sichtlich Spaß hat (und daß sein Pornoschnurrbart irgendwie perfekt zu Mann mot mann paßt *g*), wie Killmaster genau vor dem Rauchen-verboten-Schild steht und genüßlich an der Zigarette zieht. Und natürlich die glücklichen Gesichter des Publikums.

A propos Publikum, meine Lieblingsstelle ist momentan das "Say yeah!" - "YEAH!" - "Say what?" - "WHAT!" *rofl* Schade, daß man den Gesichtsausdruck des Jackals danach nicht zu sehen kriegt... *gg*

Insgesamt also, auch wenn sich das hier jetzt vielleicht nicht so liest, ein absolut beeindruckender Konzertmitschnitt. Die ganzen positiven Dinge setze ich nämlich sowieso voraus und erwähne sie daher hier nicht. =;-) Schade ist, daß es langsam losgeht - wenn man also neue Kaizerfans überzeugen will, sollte man vielleicht mittendrin einsteigen und nicht am Anfang.

Eine Sache noch: Was mich extrem gestört hat, waren die durchgehend immer wieder auftauchenden Frequenzfehler. Vielleicht war das auch "künstlerischer Ausdruck", wer weiß, aber ich finde es äußerst unangenehm, wenn ich mich gerade so richtig wie im Kino fühle, und urplötzlich kommt dann eine kurze Szene mit Bildern, die mehr nach Heimvideo aussehen als nach professionellem Konzertmitschnitt. Da das nicht nur einmal vorkam, sondern recht regelmäßig, schätze ich, daß es durchaus beabsichtigt war, aber ich finde es einfach unpassend. Und das ist eigentlich mein einziger echter Kritikpunkt.

Gut, dann zum eigentlichen Höhepunkt der DVD: dem Bonusmaterial. Eigentlich brauche ich dazu nichts zu sagen. Das ist genau das, was das Fanherz begehrt. Ich habe eigentlich nur lechzend vor dem Fernseher gesessen, regelmäßig kurz unterbrochen von heftigen Lachanfällen. Die drei Dokus sind perfekt, sie zeigen alles, was man sehen will. Und einiges, was man nie wissen wollte. Sie sind lang genug und nicht, wie sonst oft üblich, nur ein paar kurze Bilder. Ich kann nicht wirklich einschätzen, ob man auch als "nur so ein bißchen"-Fan Spaß daran hat, aber ich könnte mir schon vorstellen, daß es auch dann interessant ist. Bisher hab ich sie mir erst einmal angesehen, aber ich gehe davon aus, daß ich mich da noch sehr oft und lange mit vergnügen kann... =;-) Einziger Minuspunkt: Der Sound bei der Maestrodoku. Entweder mein Kopfhörer hat rumgesponnen (dann nehme ich das zurück), oder der Mix ist da wirklich äußerst unausgeglichen und regelmäßig fällt mal ein "Ohr" aus. =:-/
Schön gemacht finde ich auch die Fotos bzw. Slideshow, und auch die Biographie (die man sich ja normalerweise auf keiner DVD anguckt, oder?) ist mit der Gold-Verleihung im Hintergrund nett anzuschauen.
Und die Videos sind ja sowieso klasse. Wobei mir hier zum ersten Mal aufgefallen ist, wie trashig das Kontroll-Video eigentlich ist... *lol* Aber echt schön, das auch mal in guter Qualität zu sehen.

Insgesamt also Daumen hoch für die DVD. Aber sowas von hoch! Die DVD ist genau das, was ich mir erhofft hatte, auch wenn die Rezension sich vielleicht etwas negativ liest. Aber wie oben schon erwähnt - die guten Sachen setze ich bei Kaizers halt voraus, und nur das Negative ist erwähnenswert. =;-)

Tja, und zum Schluß das dicke Ende. =:-(
Die DVD ist klasse - aber nicht für den deutschen Markt. Ich glaube nicht, daß sie hier irgendwas damit "reißen" können. Und zwar ganz einfach deshalb, weil die DVD zu "norwegisch" ist. Das jetzt bitte nicht falsch auslegen - genau so muß sie sein, anders geht es nicht, und anders soll sie auch nicht sein. Wenn ich mir vorstelle, daß Kaizers sich bei den Dokus auf Englisch unterhalten würden - nee, danke, das wäre grausam. Aber als deutscher Musikfan muß man sich echt durchbeißen - zumindest, wenn man nicht sowieso schon Kaizerfan ist.
Natürlich ist es klasse, daß es Untertitel gibt. Aber erstens nur bei Teilen der DVD (weder das Konzert noch die versteckten Szenen sind untertitelt), dann sehr inkonsequent (teilweise sind die Untertitel wählbar englisch/deutsch/gar nichts, teilweise fest englisch), und teilweise nicht korrekt. Das ist natürlich Absicht. Und sehr lustig - wenn man denn versteht, was im Original gesagt wird! Natürlich ist es ein guter Gag, grün mit rot zu übersetzen, aber das bringt natürlich nichts, wenn der nicht-norwegischsprechende Fan dann mit großem Fragezeichen im Gesicht vor'm Bildschirm sitzt und keinen Schimmer hat, was DAS jetzt sollte. Allerdings gibt es da wohl auch keine Lösungsmöglichkeit für, doppelte Untertitel wären wirklich übertrieben. Schade.
Und zuletzt - das ist echt anstrengend. Wenn man bei den Dokus gleichzeitig tolle Bilder hat, wo man jede Sekunde ganz viele spannende Sachen zu sehen kriegt, nebenbei einen norwegischen Kommentar dazu hört und versucht zu verstehen und dann noch gleichzeitig versucht, die Untertitel zu lesen - nee, da hört's dann irgendwann auf. Aber zum Glück kann man's ja immer und immer wieder gucken. =;-)

Sprich, für Kaizerfans ist die DVD perfekt. Norwegische Nicht-Kaizerfans werden nach Genuß der DVD sicherlich zur guten Seite konvertieren. Deutsche Nicht-Kaizerfans werden vielleicht mal mit zum Konzert kommen und dadurch dann zum Fan werden - aber leider nicht durch die DVD an sich. Und das ist zwar schade, aber anders nicht möglich.

So, und nachdem ich jetzt viel zu viel geschrieben hab, muß ich zurück vor den Fernseher, zum zweiten Durchlauf. =;-)

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Rezension zu Live At Vega