Der folgende Text von mir ist am 13. September 2013 im Stavanger Aftenblad erschienen. Den norwegischen Originaltext gibt es (gegen Bezahlung) beim Aftenbladet zu lesen - hier gibt es die Übersetzung. Es ist mein persönliches Dankeschön an Kaizers, ein "auf Wiedersehen" und eine Zusammenfassung und ein Fazit von zehn wundervollen Jahren.

Vor zehn Jahren wurde ich von einer Freundin überredet, zum Rheinkultur-Festival in Bonn zu fahren. Mich interessierte eigentlich keine der Bands dort so richtig, aber meine Freundin wollte beim Headliner in der ersten Reihe stehen, also waren wir morgens um elf vor Ort. Von den ersten vier, fünf Bands, die auf dem Programm standen, hatte ich noch nie etwas gehört. Die ersten drei waren stinklangweilig; die vierte war Kaizers Orchestra.

Nie hätte ich zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass ich zehn Jahre später in einem Hotelzimmer in Stavanger sitzen und über eben diese Band schreiben würde - auf Norwegisch! -, während sie mit acht ausverkauften Konzerten innerhalb einer guten Woche ihren "Letzten Tanz" feiern. In einer Eishockeyhalle, die in einen festlichen Konzertsaal verwandelt wurde, vor Hardcore-Fans, die aus der ganzen Welt nach Stavanger gereist sind.

Als ich 2003 vom Festival nach Hause kam und meinen Freunden von der durchgeknallten Band erzählte, die ich dort gesehen hatte und die in Anzügen auf der Bühne stand, auf Ölfässer einprügelte, Halleluja schrie, in einer Sprache sang, die ich nicht mal zuordnen konnte, und die beim Auftritt eine wahnsinnige Energie an den Tag legte, kam gleich die Frage: "Und, lernst du jetzt Norwegisch?" - "Nein", antwortete ich. "Natürlich nicht. Das ist doch nur eine Band!"

Als diese Band drei Monate später zurück nach Deutschland kam, fuhr ich fünf Stunden nach München, um sie zu sehen. Bei der nächsten Tournee standen Köln und Heidelberg auf dem Programm. Im Frühjahr 2004 sah ich sie sieben Mal innerhalb von 14 Tagen und war längst überzeugt, dass Kaizers Orchestra mehr als "nur eine Band" waren. Sie haben ihr eigenes Universum erschaffen, sowohl musikalisch als auch textlich, und sie geben alles, um fantastische Konzerte abzuliefern - egal ob für 200 Zuschauer im Prime Club in Köln oder für 6000 in der DNB-Arena in Stavanger. Ich hatte große Erwartungen an die "Siste Dans"-Konzerte, aber ich hatte nicht erwartet, dass es sich genauso intim und nah anfühlen würde wie bei den kleinen Clubkonzerten vor vielen Jahren. Als Kaizers am Samstag in der DNB-Arena Die Polizei gespielt haben, fühlte es sich genauso an wie 2004 im Prime Club. Außer dass wir damals "Die Polizei, lalalala lala" gesungen haben anstatt wie jetzt "Herr Polizei, du finner meg aldri igjen" ...

Seit meinem ersten Kaizerskonzert 2003 habe ich die Band 170 Mal live gesehen. Mit anderen Worten: ich habe in den letzten zehn Jahren fast ein halbes Jahr auf Kaizerskonzerten verbracht. Ich habe die Hände in der Luft, lange bevor Janove das Publikum zum Klatschen auffordert, ich weiß, was die Bandmitglieder wann auch immer auf der Bühne tun, auch wenn ich nur eine Aufnahme anhöre, und ich kann sehen, bei welchem Lied ein Foto geschossen wurde. Ich bin Konzertjunkie, ich liebe es, Konzerte von allen möglichen Bands zu besuchen, und es gibt einige Bands, die ich sehr oft live gesehen habe. Aber keine so oft wie Kaizers, und ich bezweifle, dass ich eine andere Band genauso oft sehen könnte, ohne es mit der Zeit leid zu werden. Es ist unmöglich zu beschreiben, was Kaizers von allen anderen Bands unterscheidet; es ist wohl am meisten die Energie und der Wille, und alle, die Kaizers je live gesehen haben, können das vermutlich bestätigen. Sie sind einfach die beste Liveband, die es auf der Welt gibt.

Ich habe unglaublich viele Erinnerungen an alle diese Konzerte, die meisten davon in Europa. Dichtgedrängte Clubshows in Köln, München, Hamburg oder im ISC in Bern, der die Größe eines durchschnittlichen Wohnzimmers hat - und draußen standen genauso viele Leute vor der Tür wie rein durften. Kato in Berlin, wo doppelt so viele Tickets verkauft wurden, wie Platz war, und wo es so unglaublich warm war, dass Janove auf der Bühne ohnmächtig wurde. Festivalkonzerte im Platzregen und Matsch, mit haufenweise Leuten vor der Bühne, die noch nie von dieser Band gehört hatten, die aber tanzten, Halleluja schrien und Kaizers nach dem Konzert nicht von der Bühne gehen lassen wollten. Genauso viele Erinnerungen an einige Afterparties - mit Kaizerkuchen und Geburtstagsfeiern, belgischem Bier und wenig Schlaf. Helge, der nach einem Konzert fragte: "Ich habe mich nie getraut, dich anzusprechen, aber jetzt will ich einfach wissen ... warum gehst du zu so vielen Konzerten, ich verstehe das nicht?" Janove, der unnahbare Frontmann, der im Interview die Sonnenbrille aufbehält, der dich aber mit breitem Grinsen herzlich willkommen heißt, wenn er nach dem Konzert am Merchstand steht und Autogramme schreibt. Geir, der ganz brav anfragt, ob er vielleicht den freien Stuhl nehmen kann, bevor er sich drauf plumpsen lässt und proklamiert: "I'm a fucking rock star, I get everything I want!" Sehr nette Gespräche mit Rune, und eins, das plötzlich unterbrochen wird mit "Warte, du sprichst ja plötzlich Norwegisch? Wann hast du das gelernt?" Das war wohl das Resultat von langjährigem Fan-Sein ... ich habe nie Grammatik gelernt oder Vokabeln gebüffelt, aber mit der Zeit habe ich die Sprache aufgeschnappt. Der Nebeneffekt ist, dass ich einen eher seltsamen Wordschatz habe (meine ersten norwegischen Wörter waren Brecheisen, Ölfass und Wollmaus) und dass die meisten Unterhaltungen mit Øyvind zu einem großen Teil aus "was hast du gesagt" und "sorry, ich versteh dich nicht" bestanden. Während normale Norwegisch-Lerner Oslo-Bokmål lernen, haben Kaizerfans also Probleme mit allen Dialekten, die östlich des Vestlandets beheimatet sind. Ich habe das jedenfalls, aber dennoch erinnere ich mich an sehr nette, lustige und geduldige Gespräche. Genauso mit Terje - auch wenn er mit mir in den ersten Jahren konsequent Norwegisch gesprochen hat, bis ich die Sprache gelernt hatte und er gleichzeitig auf Englisch wechselte. Das führte dann zu sehr bizarren Unterhaltungen, bei denen ich Norwegisch und er Englisch sprach. Meine beste Erinnerung mit Terje, und vielleicht die, die den Beginn meiner Liebe zu Kaizers markierte, stammt jedoch von meinem zweiten oder dritten Konzert: Als wir gerade gehen wollten, saß er an der Bar, verabschiedete alle die gingen mit Handschlag und bedankte sich dafür, dass wir zum Konzert gekommen waren. So etwas habe ich nie bei einer anderen Band erlebt, weder vorher noch nachher, aber es hat sicher dazu beigetragen, dass ich wieder kam.

Das - und die Fans. Die Kaizerfamilie. Das fing bei meinen ersten Konzerten an, und die Kaizerfamilie wächst und wächst mit jedem Konzert. Ich habe Fans aus Deutschland kennengelernt, natürlich, aber auch aus den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Österreich, Dänemark, Polen, England und so weiter, sogar aus den USA und Kanada. Als ich 2004 das erste Mal nach Norwegen zu einem Konzert flog, wurde ich gleich willkommen geheißen und in die norwegische Kaizerfamilie aufgenommen. Als ich dieses Jahr zum Konzert in New York reiste, traf ich dort endlich die amerikanischen Fans, mit denen ich mich vorher nur online unterhalten hatte. Es ist ein fantastisches Erlebnis, um die halbe Welt zu reisen und dort Leute zu treffen, die genauso enthusiastisch sind und sich für die gleichen Dinge begeistern! Über all die Jahre entstanden viele gute Freundschaften; einige so eng, dass es wehtut zu wissen, dass es nun noch schwieriger wird, sich zu sehen - da das jährliche Kaizerskonzert fehlen wird, wo man sich immer sicher sein konnte, dass man sich trifft. Aber auch so eng, dass ich weiß, dass wir auch so den Kontakt aufrechterhalten werden.

Das ist es vermutlich auch, was mich am meisten motiviert, an meiner Fanseite zu arbeiten: Etwas zu schaffen, das für die ganze Kaizerfamilie nützlich ist, sodass die Fans eine Anlaufstelle haben, wo sie die gesamte Information gesammelt bekommen und sich auf dem Laufenden halten können, ohne alles selbst suchen zu müssen und ohne dass ausländische Fans Norwegisch lernen müssen, um mitzubekommen, was passiert. Es ist viel Arbeit, die oft einiges abverlangt (wenn man zum Beispiel Urlaubsabende damit zubringt, Liedtexte zu übersetzen, oder wenn man immer wieder und wieder nachfragen muss, um Informationen zu bekommen), aber vor allem macht der Job Spaß. Und er ist eine Möglichkeit, Kaizers ein bisschen was zurück zu geben für alles, was sie uns über all die Jahre gegeben haben. Sie haben immer darauf vertraut, dass die Fans sie weiterempfehlen, und genau das machen wir, weil wir möchten, dass alle von dieser fantastischen Band aus Norwegen wissen.

Jetzt ist es bald vorbei, oder "Pause". Niemand weiß, ob sie zurückkommen werden, und falls sie zurückkommen, wann das sein wird und ob es dieselbe Band sein wird wie jetzt. Es ist das Ende einer Ära. In den letzten Wochen habe ich mich immer wieder gefragt, wo ich wäre, wenn ich vor zehn Jahren nicht zur Rheinkultur gefahren wäre. Wenn ich nicht Hardcore-Fan einer norwegischen Band geworden wäre. Ich hätte dann nie Norwegisch gelernt. Ich hätte keinen Einblick in die "Chaosbranche" bekommen, die das Musikgeschäft ist. Ich hätte viele derjenigen, die ich jetzt als sehr gute Freunde ansehe, nie getroffen. Ich hätte nicht spät abends dagesessen und heulend Kaizerlieder angehört, weil sie einfach so verdammt gut sind. Und ich hätte niemals ein halbes Jahr meiner letzten zehn Jahre auf Konzerten eines norwegischen Schrammelorchesters verbracht.

Das wäre sehr sehr schade. Danke für alles, Kaizers. Wir sehen uns!



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